Zwischen Dürre und Starkregen: Tirols Wasserhaushalt unter Druck

Fünf Personen auf Aussichtsplattform mit Bergpanorama

Die TIROLER VERSICHERUNG lud zum zweiten Mal zum Expertenformat „Extremwetterfestes Tirol im Gespräch“. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Tirol angesichts verändernder Umweltbedingungen widerstandsfähiger werden kann.

Drei Top-Expertinnen, rund 80 Entscheidungsträger*innen aus Wirtschaft, Verwaltung und Praxis und ein brennendes Thema: Klimawandelanpassung und Extremwetter-Prävention. Zum zweiten Mal lud die TIROLER unter dem Titel „Extremwetterfestes Tirol im Gespräch“ in ihre Zentrale in Innsbruck. Die entscheidende Botschaft des Abends: Die Auswirkungen der Erderwärmung sind klar ersichtlich. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Risiken zu reduzieren und Schäden vorzubeugen – und vor allem unseren Lebensraum so lebenswert zu erhalten. 
 „Der Klimawandel ist in Tirol längst spürbar. Seit 25 Jahren machen wir als TIROLER auf die damit verbundenen Herausforderungen aufmerksam. Uns ist dabei besonders wichtig, auch Zuversicht zu vermitteln: Wir sind diesen Veränderungen in Tirol nicht hilflos ausgeliefert“, betont Vorstandsvorsitzender Franz Mair. „Mit vorausschauender Anpassung und gezielter Prävention können wir viel bewirken – durch die bewusste Entscheidung, wie und wo wir bauen, ebenso wie durch einen sorgsamen Umgang mit Boden, Wasser und Wald. Dafür braucht es uns alle. Jede und jeder kann im eigenen Umfeld einen Beitrag leisten. Gemeinsam können wir viel bewegen – und schon heute damit beginnen.“

Wasser als Herausforderung 
Als Erste der drei Expertinnen widmete sich die Ökologin Ulrike Tappeiner, Leiterin des Instituts für Alpine Umwelt von Eurac Research, dem „blauen Gold“ der Zukunft: Wasser. Nicht die Niederschlagsmenge verändere sich entscheidend, sondern deren Verteilung. Während die Winter niederschlagsreicher werden, nehmen Trockenperioden im Sommer zu. Die Folge: Wasser wird knapper, gleichzeitig steigt bei Starkregen das Risiko für Überschwemmungen, Muren und Hochwasser, wenn ausgetrocknete oder versiegelte Böden die Wassermassen nicht aufnehmen können. Tappeiner plädiert daher dafür, Wasser wieder stärker in der Landschaft zu halten, etwa durch natürliche Retentionsräume, intakte Böden, renaturierte Gewässer und sogenannte Schwammstädte.
Wie stark sich das Klima bereits verändert hat, zeigte die Glaziologin Andrea Fischer anhand der Tiroler Gletscher. Seit Jahrzehnten untersucht sie deren Entwicklung. Die Ergebnisse sind alarmierend: Manche Gletscher verlieren jährlich mehrere Meter Eisdicke.

Die Bedeutung der Gletscher reicht dabei weit über ihr landschaftliches Erscheinungsbild hinaus. Sie wirken als natürliche Wasserspeicher und tragen dazu bei, jahreszeitliche Schwankungen auszugleichen. Mit ihrem Rückzug gehen jedoch nicht nur Eisflächen verloren. Gleichzeitig steigen die Risiken durch Muren, Felsstürze und Sturzfluten, weil einst dauerhaft gefrorene Bereiche der Hochgebirge instabil werden.
Die Gletscherschmelze selbst sei nicht mehr aufzuhalten, erklärte Fischer. Sehr wohl beeinflussen lasse sich jedoch, wie gut sich Gemeinden und Infrastruktur auf die neuen Gegebenheiten vorbereiten. Schutzbauten, intelligente Wasserableitung und vorausschauende Planung können dazu beitragen, Schäden deutlich zu reduzieren.

Böden als Schlüssel zur Anpassung
Einen dritten Blickwinkel brachte Rosemarie Stangl, Professorin für Ingenieurbiologie an der Universität für Bodenkultur Wien, ein. Für sie beginnt wirksamer Klimaschutz und Extremwetterschutz im Boden.
Versiegelte Flächen verhindern das Versickern von Wasser, fördern Überhitzung und erhöhen bei Starkregen die Belastung von Kanalisation und Gewässern. Gleichzeitig gehen wichtige Bodenfunktionen verloren. Dabei sind gesunde Böden nicht nur Wasserspeicher, sondern auch Kohlenstoffspeicher, Kühlungselemente und natürliche Hochwasserschutzanlagen. Stangl plädierte daher für sogenannte naturbasierte Lösungen: Entsiegelung, Begrünung, Regenwassermanagement und die Wiederherstellung natürlicher Bodenfunktionen. Diese Maßnahmen seien häufig kostengünstiger und nachhaltiger als rein technische Eingriffe.

Klimafolgen begrenzen, Handlungsspielräume nutzen
Das Fazit der Expertinnen: Extremwetter wird Tirol stärker fordern – umso wichtiger ist vorausschauendes Handeln.Dabei liegen die wirksamsten Hebel vor Ort: Böden schützen, Wasser zurückhalten, Grünflächen erhalten und klimaangepasst bauen.

Über die Veranstaltungsreihe „Extremwetterfestes Tirol im Gespräch“
Mit dem Vortragsformat bringt die TIROLER zweimal jährlich Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Praxis zusammen. Ziel ist es, aktuelle Erkenntnisse rund um Klimafolgen und Naturgefahren verständlich aufzubereiten, den Austausch zu fördern und konkrete Handlungsempfehlungen für ein widerstandsfähiges Tirol zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen dabei stets umsetzbare Lösungen.